Gespannt auf Entspannung

Bei ihrer Arbeit an einem entspannteren Design für moderne Büroumgebungen begaben sich Jehs + Laub auf die Suche nach einer technischen Lösung, die feste Struktur und weichen Komfort in Einklang bringt.


Verfasst von: Joann Plockova

Grafik von: Jens Passoth

WHY Magazine - Getting to Comfortable

„Unser Herz gehört den Möbeln“, sagt Markus Jehs, der mit Jürgen Laub hinter dem Stuttgarter Designstudio Jehs + Laub steht. Die beiden gründeten das Studio 1994 nach ihrem gemeinsamen Industriedesign-Studium in Schwäbisch Gmünd und widmen sich seitdem der Gestaltung von Möbeln. „In den Anfangsjahren gingen wir nach Italien, um mit den berühmten italienischen Möbelwerken zu arbeiten“, erinnert sich Jehs. „Das war zuerst nicht so einfach, aber wir sind hartnäckig geblieben und eines Tages kam dann der Durchbruch.“ Mittlerweile arbeiten die beiden Designer mit zahlreichen Kunden aus aller Welt und beschreiben ihren Ansatz als europäisch.

„Wir fanden es schon immer hochinteressant, mit diversen Unternehmen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen zusammenzuarbeiten“, so Jehs. „Für unsere Entwicklung als Designer war es entscheidend, ein Gefühl dafür zu bekommen, was dem amerikanischen Markt wichtig ist, was dem deutschen Markt und so weiter. Und es reizt uns einfach, mit Unternehmen zu arbeiten, die eine starke Identität, eine stolze Tradition und eine klare Vision haben.“

Angesichts ihres Verständnisses für die Wurzeln von Herman Miller und die Werte und Ziele des Unternehmens („Wir fühlen uns ihnen sehr nahe, was unsere Design-Mentalität angeht“, meint Jehs.) freuten sich die beiden außerordentlich über die Chance, an einem neuen Lounge-Sessel zu arbeiten.

Der Striad Lounge-Sessel – einer der neuesten Vertreter der Herman Miller Kollektion – ist in Struktur und Materialität von einem Skistiefel inspiriert. Wir haben uns mit Jehs und Laub zusammengesetzt, um mehr über den Sessel zu erfahren.

Jurgen Laub and Markus Jehs, Stuttgart Germany

Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit mit Herman Miller?

Jürgen Laub: Unser Design ist funktional, aber es muss unbedingt auch ästhetisch sein. Charles und Ray Eames haben diese beiden Ansprüche damals auf ideale Weise miteinander vereint. Für uns war es deshalb wirklich schön, als Herman Miller mit der Projektbeschreibung für einen neuen Lounge-Sessel zu uns kam.

Markus Jehs: TAlle Produkte von Herman Miller haben einen eigenen Stil. Sie beginnen industriell – von der Basis – und werden dann sehr menschlich, sehr bequem, sehr weich. Man hat also beide Elemente in einem Produkt, das Industrielle und das Handwerkliche.

Wenn Sie sich den Eames Soft Pad Lounge-Sessel ansehen, wissen Sie genau, was wir meinen. Die Aluminiumteile sind industriell, die Lederkissen sind Handarbeit. Dieses Bild hatten wir im Kopf, als wir anfingen, uns in dieses Projekt hineinzudenken.

Eames Soft Pad was a design reference for Straid

„Wir kamen zu dem Schluss, dass der Eames Lounge-Sessel ein maskulines Möbelstück ist und dass wir vielleicht das feminine Pendant dazu entwerfen sollten.“

-Markus Jehs

Erzählen Sie uns von der Projektbeschreibung.

JL: Sie ging darauf ein, dass weiche Sitzmöbel heute wichtiger sind als früher, weil Menschen überall, wo sie sind, an ihren Laptops und mobilen Geräten arbeiten. Wenn man heute zum Beispiel ein Hotel betritt, sieht man Leute, die in der Lobby in Lounge-Sesseln sitzen und an ihren Geräten arbeiten. Wir arbeiten und leben in Lounge-Sesseln – im Flughafen, auf Möbelmessen und zu Hause. Sehen Sie sich im Design Yard von Herman Miller die Bereiche zwischen den Besprechungsräumen an, zwischen der Plaza und den Arbeitsplätzen: Es gibt Bereiche zum Warten, Bereiche für die Solo-Arbeit, für kleine entspannte Treffen in den Lounge-Zonen. Das ist in den letzten 15 Jahren anders geworden ... vielleicht auch, weil die restlichen Möbel anders geworden sind. Heute arbeitet man zum Beispiel um einen Tisch herum zusammen. Was braucht man also ansonsten? Wenn man telefonieren möchte oder ein wenig mehr Ruhe will, braucht man dafür andere Bereiche, und das könnten Lounge-Zonen sein. Lounge-Sessel können Räume innerhalb von Räumen schaffen.

MJ: George Nelson meinte einmal, das ideale Büro sei ein Wohnzimmer. Diese Ausstrahlung sollte das Produkt also haben. Es ist mehr als nur ein Arbeitswerkzeug. Es ist auch ein Möbelstück, das man gern im eigenen Haus hätte – so wie der Eames Lounge-Sessel. Wir kamen zu dem Schluss, dass der Eames Lounge-Sessel ein maskulines Möbelstück ist und dass wir vielleicht das feminine Pendant dazu entwerfen sollten. Dann haben wir ein Paar – und sie konkurrieren auf dem Markt nicht miteinander.

Striad material study

Wie haben Sie den Prozess begonnen, und wo hat er sie hingeführt?

JL: Bei unseren ersten Skizzen und 3D-Renderings dachten wir über den Markt nach: Was brauchen Kunden wirklich? In der Lounge-Kategorie sahen wir gute Möglichkeiten für Sessel mit niedriger Rückenlehne, Sessel mit hoher Rückenlehne und Cocoon-Sessel. Wir fanden, dass unsere ersten Skizzen ein bisschen aussahen wie ein Skistiefel. Bei Skistiefeln hat man eine starre Kunststoffschale, damit man sie am Snowboard oder Ski befestigen kann, und dann eine weiche Schale, die etwas biegsamer ist, und dann einen richtig bequemen Teil aus Schaumstoff mit Textilbezug. Das schien uns eine gute Idee zu sein, und deshalb gibt es sehr starre Teile und sehr weiche, nachgebende Teile. Es gibt verschiedene Lagen.

Wie sah der Zeitrahmen des Projekts aus?

MJ: Acht Wochen nach Erhalt der Projektbeschreibung präsentierten wir die Renderings im Design Yard bei Herman Miller. Das war im Januar 2015. Diese Zeichnungen verdeutlichten die Idee der einzelnen Schalen – starr und weich, mit verschiedenen Versionen und Polstern. Die Sessel hatten in dieser Phase keine Beine, weil uns das beim anfänglichen Erforschen der Ideen noch nicht so wichtig erschien. Nachdem man uns grünes Licht gab, bauten wir in unserem Studio drei maßstabsgetreue Modelle in den drei Sesselgrößen.

Jeder mochte die Idee der drei Versionen. Als wir dann im Juni unsere Prototypen vorstellten, wurde das Konzept genehmigt. Bis dahin hatten wir alle Modelle mit unseren Zulieferern in Europa gebaut. Nun begann Herman Miller mit der Produktentwicklung, baute Prototypen und lud seine eigenen Lieferanten ein, mit dem Unternehmen an den verschiedenen Komponenten zu arbeiten.

Markus Jehs and Jurgen Laub

Erzählen Sie uns mehr von dieser Prototypenphase.

JL: Unser Ziel war es, einen Stuhl zu kreieren, der einerseits bequem ist, andererseits aber auch die klaren Linien bewahrt, die uns vorschwebten. Herman Miller stellte sich dieser Herausforderung. So wollten wir z. B. ein Kissen produzieren, das weich genug ist und dennoch seine Form behält. Herman Miller stellte uns einen Formschaum vor und hatte die Idee, mit verschiedenen Schaumdichten zu arbeiten. Die Rückseite ist fester, damit das Kissen seine Form behält; die Vorderseite ist weicher und fühlt sich sehr bequem an. Weil die Kissen so weich und freundlich sind, erhält der Sessel ein bisschen mehr Wohnzimmer-Charakter.

MJ: Zu diesem Zeitpunkt entwickelten wir dann auch die Beine. Wir fingen mit einem eher minimalistischen Dreibein-Gestell an, aber das war nicht stabil genug. Also entschieden wir uns für vier Beine, hielten sie aber sehr, sehr schlicht. Neben diesen feststehenden Beinen brauchten wir auch einen Drehfuß. Das ist sehr wichtig für den Vertragsmarkt, denn bei Meetings an einem Tisch in kleinen Konferenzräumen oder bei einer Videokonferenz muss man sich den anderen Teilnehmern oder dem Bildschirm zuwenden können. Deshalb haben wir diese zwei unterschiedlichen Funktionen bei den Beinen.

Striad Lounge Chair components

Vor welchen Herausforderungen standen Sie bei diesem Projekt?

MJ: Wir fragten uns, wie man am besten die weiche Schale herstellt. Ist das ein industrieller Prozess? Wenn man sich Sneaker ansieht, gibt es ähnliche Elemente, und in die Richtung dachten wir in etwa. Aber es sollte auch nicht zu viel Handarbeit damit verbunden sein, denn das ist immer teuer.

Herman Miller entdeckte eine interessante Technologie, die in Autos und auch Flugzeugen eingesetzt wird. Es handelt sich um ein umweltfreundliches Material, das erwärmt und in Form gepresst wird. Nach dem Abkühlen wird es sehr starr. Es hat eine spezifische Elastizität, ist aber auch sehr stark. Die Schale ist also flexibel und gleichzeitig stabil.

Sie haben das gleiche Material benutzt, um eine Befestigung für die weichen Kissen zu produzieren, richtig?

JL: Genau. Wir haben eine Vorrichtung entwickelt, um das weiche Kissen an der Schale zu befestigen, was die Formstabilität unterstützt. Innen sitzt ein starres Teil, das man einsteckt. Es ist ganz einfach anzubringen. Das geht ohne Clips oder Schrauben und ist völlig unsichtbar. Die flexible Schale hat ein kleines Fenster, und dort befestigt man das Kissen.

Die Entwicklung ging sehr schnell, und Sie haben die Produktionseinrichtung nur zweimal besucht. Ist das ungewöhnlich?

MJ: Für ein Projekt von dieser Komplexität ist das ungewöhnlich, würde ich sagen. Normalerweise dauert der Entwicklungsprozess zwei bis drei Jahre und umfasst vier oder fünf Besuche. Wir bekamen den Eindruck, dass die Leute bei Herman Miller unsere Gedanken lesen konnten. Wenn wir eine Idee hatten und anfingen, sie zu erklären, nickten sie gleich mit dem Kopf und wussten, was wir meinten. Am Ende konnten wir sagen, dass alles perfekt aus unserem Kopf in die Wirklichkeit umgesetzt wurde.

Jehs+Laub with Striad Lounge Chair

„Unser Ziel war es, einen Stuhl zu kreieren, der einerseits bequem ist, andererseits aber auch die klaren Linien bewahrt.“

-Jürgen Laub

Was war bei diesem Projekt die größte Befriedigung?

MJ: Wenn man sich das Produkt ansieht, dann hat es eine visuelle Qualität ... es verspricht etwas. Wenn man in dem Produkt sitzt, sollte es das erfüllen, was man beim Ansehen erwartet – diesen Grundgedanken teilen wir mit Bill Stumpf. Und in diesem Fall ist es sogar noch besser. Ich würde sagen, dass dies der bequemste Lounge-Sessel ist, den wir je entworfen haben. Das ist immer ein Lernprozess. Jedes Produkt, das wir entwickeln, bedeutet, dass das nächste noch besser werden sollte, weil wir Erfahrungen sammeln. Dieses Streben, immer besser zu werden, ist uns wirklich wichtig.

Und besitzt das Endprodukt den femininen Charakter, den Sie sich vorgestellt hatten?

JL: Wenn man ein Gegenstück zum Eames Lounge-Sessel entwerfen will, muss man verstehen, wie dieser sich verhält. Er wirkt maskulin, denn er hat eine harte Außenschale mit weichem Inneren. Er wirkt stark und beschützend, und so funktioniert er auch: wie ein Ritter in seiner Rüstung. Und er wirkt solo am besten – das perfekte Statussymbol.

Ein Lounge-Sessel, der in einer Gruppe angeordnet wird, sollte unserer Ansicht nach freundlicher und einladender aussehen. Unsere Vision war es deshalb, Weichheit in verschiedenen Formen mit verschieden dichten Lagen zu erzielen. Letztendlich ist Striad ein geschlechtsneutraler Sessel. 

Striad Lounge Chair